Forschungsprojekt

Forschungsprojekt:

Ein Institut wird erfunden:
Die Entstehungsgeschichte des Informationszentrums für Sozialwissenschaftliche Forschung (IZ) & die Institutionalisierung der Empirischen Sozialforschung

Im Jahre 1969 wurde in Bonn-Bad Godesberg das Informationszentrum für sozialwissenschaftliche Forschung (IZ) gegründet, das 1977 in Informationszentrum Sozialwissenschaften (IZ) umbenannt wurde und 2007 mit dem Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung (ZA, Köln) und dem Zentrum für Umfragen – Methoden – Analysen (ZUMA, Mannheim) zur GESIS zusammengefasst wurde, einer sozialwissenschaftlichen Infrastruktureinrichtung, die weltweit einmalig ist.

Mein Projekt rekonstruiert die merkwürdige und vielfach verschlungene Vor- und Entstehungsgeschichte des IZ in den Jahren 1964 bis Anfang 1970.

Die Geschichte fängt mit der Existenzkrise der Arbeitsgemeinschaft Sozialwissenschaftlicher Institute e. V. (ASI) an, die Ende 1965 begann und 1966 ihren Höhepunkt erreichte. Zwar wurde die Selbstauflösung der ASI abgewendet, aber das war nur ein Aufschub. Zum dauerhaften Überleben fehlte der ASI noch das Wichtigste: eine neue, überzeugende Ziel- und Aufgabenstellung.

Wie und auf welch verschlungenen Wegen im Sommer 1967 unter diesem enormen Druck die erst noch äußerst vage Idee eines Informationszentrums entstand und allmählich modelliert wurde, wie diese Notlösung mit anderen Denkansätzen zusammenwuchs und warum drei der fünf Gründungsinstitute des IZ lange Zeit systematisch von der Entwicklung ausgeschlossen wurden, davon handelt die Entstehungs-Geschichte.

Um diese Geschichte wirklich verstehen bzw. erklären zu können, müssen die Ereignisse in den Kontext der damaligen Welt gestellt werden, die sich teilweise grundlegend von unserer heutigen unterschied. Zu diesem Zweck werden in die erzählende Rekonstruktion immer wieder Exkurse oder ganze Exkurs-Kapitel eingeschoben, in denen der damalige Entwicklungsstand und ggf. auch die Probleme verschiedener Bereiche dargestellt werden, oder in denen wesentliche Entwicklungen in anderen Bereichen von Gesellschaft, Wissenschaft und Technik referiert werden, die für die Ereignisse unserer Geschichte von Belang sind. Dabei kann es sich auch um historische Rückblicke handeln.

Zum Beispiel:

  • die Wiedererstehung der deutschen Soziologie in den 1950er Jahren und die Konflikte 
    zwischen der Gruppe der Emigranten und jener, die in der Nazi-Zeit in Deutschland geblieben waren und sich teilweise bei den Machthabern angebiedert hatten (1950er und 1960er Jahre);

  • die steile Karriere der Soziologie durch die Studentenunruhen von 1968, wobei die Soziologie vom akademischen Mauerblümchen plötzlich zur Leitwissenschaft avancierte – und zugleich einer Zerreißprobe zwischen ‚bürgerlicher Wissenschaft’ und Marxismus ausgesetzt wurde;

  • die technische Entwicklung vor allem der EDV, die erst langsam in den (sozial-) 
    wissenschaftlichen Bereich vorzudringen begann, aber tiefgreifende Auswirkungen auf die 
    Methodik und das Selbstverständnis der Soziologie hatte;

  • die Entstehung von Datenbanken und des wissenschaftlichen Dokumentationssektors, der in engstem Zusammenhang mit der Entwicklung der EDV zu sehen ist;

  • die lange Zeit kaum bemerkte (bzw. nicht begriffene) Spaltung der Soziologie in empirische Soziologie und Empirische Sozialforschung. Das scheint dasselbe zu sein, hat sich aber im Lauf der Zeit als fundamentaler Unterschied und sogar Gegensatz erwiesen. Diese Entwicklung wurde wesentlich von Remigranten aus den USA sowie von einer Gruppe junger Soziologen beeinflusst, die in den 1950ern ihre Ausbildung in den USA absolviert hatten.

  • die tiefgreifenden sozialen und politischen Veränderungen, die direkt oder indirekt durch Studentenrevolte und ApO induziert wurden (ab 1967).

Bei der Rekonstruktion der Ereignisse und Entwicklungen kommt mir meine zweite Identität als Schriftsteller sehr zugute. Denn wo es so sehr menschelt wie in der streckenweise recht wirren Geschichte, die ich rekonstruiere, da muss man die Geschichte (im Sinne von Historie) wirklich erzählen: als Geschichte(n) von Menschen, ihren Eigenarten, ihren Stärken und vor allem ihren Schwächen, ihren großen Zielen und kleinen Intrigen. Die Satire schreibt sich dann manchmal ganz von selbst, auch da, wo es um die Großen der Wissenschaft geht. Geschichte ohne Menschenkenntnis – das geht nicht. Und der freundlich-, manchmal auch bissig-ironische Stil, der mein literarisches Schaffen kennzeichnet, eignet sich auch sehr gut für eine flüssige, gut lesbare und vor allem wirklichkeitsnahe Erzählung dieser Episode aus der Wissenschaftsgeschichte. So gelingt es, das tote Papier der Archive wieder zum Leben zu erwecken.

Der Rekonstruktion liegen umfangreiche Recherchen in 9 Archiven zugrunde. Ein wichtiger Nachlass in Hamburg war schon vor Jahren geschreddert worden. Nur in vereinzelten Fällen konnten noch Überlebende jener Zeit befragt werden.

Stand des Projekts: 2011 abgeschlossen. Der Abschlussbericht liegt vor:  

              Helmut M. Artus:  Ein Institut wird erfunden. Die Entstehung des IZ & die Wurzeln der GESIS, 
                                              Bonn 2011, 340 Seiten + 24 Seiten Anhang; ca. 70 Abbildungen

Der Bericht ist noch nicht öffentlich zugänglich.